Verkehrt sich die sexuelle Befreiung ins negative?

Ich bin ein 68er vom Baujahr her.

Die 68er Generation waren damals die Blumenkinder, die sich dank der Pille endlich von der Angst der ungewollten Schwangerschaft und den Folgen daraus befreien konnten und in teilweise sehr enthemmter Gestaltung ihre neue sexuelle Freiheit ausgenutzt haben. Das war damals auch gut so und sicherlich nötig um alte Grenzen aufzubrechen.

Die 68er sind die Eltern und Großeltern von heute.

Die damalige sexuelle Revolution ist – soweit mir bekannt – an meinen Eltern (und irgendwie auch am kompletten Umfeld) ohne Schäden zu hinterlassen vorüber gezogen. Auf jeden Fall aber an meinem erzkonservativem Vater. Ich bin dadurch in einer relativ asexuellen und vielleicht auch etwas verklemmten Umwelt groß geworden und habe erst relativ spät überhaupt meinen eigenen sexuellen Erfahrungen gemacht. Die sich allerdings nicht extremen Spielarten wie SM und Bondage verewigt haben, sondern in einer – so zumindest meine Überzeugung – für beide Partner angenehmen und vor allem respektvollen Art des Umganges miteinander. Und das nicht nur im Bett.

Die nächste Generation (in meiner Beobachtung meine jüngeren Cousins und Cousinen) scheint sexuell etwas enthemmter aufgewachsen zu sein, ist aber durchaus noch in der Lage für sich zu entscheiden was geht und was nicht geht. Auf jeden Fall kann ich da noch eine gewisse Zurückhaltung erkennen und bin mir sicher, dass sich die meisten jungen Frauen um die 20 nicht sexuell (und auch sonst nicht) ausnutzen lassen, nur weil der Partner sie wie ein Stück Vieh behandelt.

Interessant fand ich die Aussage einer Kollegin, die meinte, die heranwachsende Frauengeneration wird eine extrem selbstbewusste sein. Mädchen würden heutzutage aufwachsen in dem Bewusstsein absolut gleichberechtigt zu sein. Sie bezog das vor allem und ausdrücklich auf den Beruf.

Ich gehe soweit, solche Aussagen auch auf das sexuelle zu übertragen.

Übertrage ich dieses aber auf diverse Nachrichten und Beobachtungen im Bezug auf die sogenannte (das Kind muss ja immer einen Namen bekommen, so sind wir Deutschen eben) ’sexuelle Verwahrlosung‘, so frage ich mich, wie diese Aussage passt:

Da lässt eine Schülerin (15 oder 16 – sie dürfte mittlerweile Volljährig sein) eine ganze Gruppe pubertierender Jungs an sich herumspielen und dabei (dem Handy sei undank) auch noch filmen – natürlich wurde ein Skandal daraus, da die Filmchen recht schnell diverse Tauschbörsen im Internet erreichten. Die Frage ist für mich, wie es überhaupt so weit kommen konnte. Wieso hat dieses Mädchen sich davor nicht gescheut? War ihr nicht bewusst, welche Folgen das haben würde? In welchem Umfeld und mit welchem Bewusstsein muss ein Mädchen aufgewachsen sein, das sich so ausnutzen lässt?

Da tauschen männliche Jugendliche intime Fotos ihrer (Ex-)Freundin auf dem Schulhof. Da sehen es junge Mädchen es als ganz normal an, wenn diese Jungs, die durch viel zu frühen Kontakt mit Pornos darauf gebracht werden, auch mal einen Gangbang oder Analsex oder einen Bukake haben wollen und lassen sich ohne Widerstand zu sexuellen Handlungen hinreißen, die für mich persönlich nichts mehr mit Liebe zu tun haben, sondern die Frau zu einem Gebrauchsgegenstand degradieren.

Ist die Zweiklassengesellschaft tatsächlich schon so weit gediehen? Die unterwürfige 16jährige, die für Ihren Freund aus lauter Liebe auf den Strich geht, durchaus weiß, was sie sich damit antut und es trotzdem über sich bringt und auf der anderen Seite wohl auch die Lolita, die aus erwachsenen Männern Geschenke herauslockt und sie damit (scheinbar) selbstbewusst bezahlt? Und eine scheinbar verschwindet geringe oder absolut stillschweigende (und somit aus dem Medienfokus herausfallende) Anzahl von Jungen und Mädchen, die Sex immer noch als etwas ganz besonderes ansehen?

Ist Sex für diese neue Generation inzwischen schon so eine alltägliche Handlung wie ein Handschlag geworden? Ist es so, dass sie im Sex und dem Miteinander nichts besonderes mehr sieht und deshalb damit und auch mit dem Respekt gegenüber dem Partner so sorglos umgeht, wie es Streetgirl derzeit beobachtet? Sex wird offenbar oft nicht mehr mit Liebe zwischen zwei Personen gleichgesetzt, sondern als ein kleiner, nicht mehr erwähnenswerter ‚Gefallen‘ angesehen und der ‚Gefallen‘ beschränkt sich dann auch nicht mehr auf normale partnerschaftliche Interaktionen.

Man mag mich für einen Moralisten halten, aber persönlich halte ich das, was da so vorgeht für falsch.

Ein Gedanke zu „Verkehrt sich die sexuelle Befreiung ins negative?

  1. ganz so sehe ich die Sache nicht (bin auch Jahrgang 68) – es gibt durchaus noch die sexuelle Würde der Mädchen und auch der Jungs. Früher waren gewisse technische Übertragungen einfach auch nicht möglich, wer weiss, ob nicht doch das eine oder andere Mädel sich eines Filmausschnittes – ohne sich dabei benutzt vorzukommen – hingegeben hätte. Wir wissen doch alle, dass aus der sogenannten Liebe ein jeder von uns zu ziehmlich vielem im Stande ist. Ich würde deshalb dies nicht so hochspielen. Sicherlich hat sich bei der sexuellen Freiheit in den letzten 30 Jahren so einiges ergeben, möchte aber nicht wirklich behaupten, dass es so viel freier wurde. Warum drehen sich noch viele Köpfe, wenn sich ein Paar auf einer Wiese leidenschaftlich küsst, dies war bereits früher möglich. Deshalb glaube ich nicht, dass die sexuellen Handlungen wie ein Handschlag anzusehen sind, denn Jugendliche leben ihre Jugend, besser als sich schon mit 14 zu binden um dann 10 Jahre später festzustellen, dass dies dann doch nichts war und die Zeit nicht mehr zurück zu drehen ist.
    Ein Jeder wird sich auch heut noch seine Gedanken machen und ebenso mit Respekt dem Partner gegenüberstehen. Ausnahmen gibt es immer und gab es auch schon früher. Deshalb würde ich hier nicht so streng sein.
    Meine Meinung

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